Matthias Claudius (1740-1815)
Er sei ein Narr, der voller Einfaltsprätentionen stecke, ein
Fussbote, der Evangelist werden möchte, nannte ihn Goethe. Andere Zeitgenossen urteilten
nicht weniger hart. Er war Sohn eines Pastors und hatte Theologie und Jura studiert. Er
passte jedoch nicht ins kulturelle Leben des späten Rokoko; er besuchte weder
literarische Zirkel noch die weltberühmte Hamburger Oper am Gänsemarkt. Zurückgezogen
lebte er mit seiner Familie im Dorf Wandsbek und publizierte unter dem Pseudonym Asmus den Wandsbecker Boten. Die Welt von Matthias Claudius war seine Familie, seine Freunde und der
Alltag. Als Journalist beschrieb er das alltägliche Leben, keine Idylle, denn er kannte
die Vergänglichkeit. Als er elf Jahre alt war, wurde seine Wohngegend von einer Seuche
heimgesucht. Verstört musste er mit ansehen, wie seine zweijährige Schwester, tags
darauf der sechsjährige Bruder und zwei Monate später der achtjährige Bruder auf den
Friedhof getragen wurden. Der Schatten des Todes begleitete ihn jedoch auch später. Sein
erster Sohn starb nach der Geburt. "Er lebt nur einige Stunden und ging, nachdem er
sich satt geweint hatte, wieder heim." Ein weiteres Kind lebte bloss zwei Jahre. Eine
Tochter von ihm erlag mit zwanzig Jahren einem Nervenfieber. Claudius' Briefe sind somit
voller Traurigkeit, doch er schreibt selten über sich. Dann aber lesen wir "Du
weisst, wenn man ein Kind schwerkrank hat, das man gerne behalten will, wie man da die
Hände ringt und immer hofft, auch wenn man nicht mehr kann und sollte..."
Drei Jahre nach dem Tod seiner zwanzigjährigen Tochter schreibt er die Zeilen zum Lied
"Der Mond ist aufgegangen" (Melodie von Peter Schulz 1747-1800). Auch wenn die
Verse idyllisch beginnen, bleibt der Grundtenor von traurigem Schmerz erfüllt. Das
Erlebte zeigte seine Spuren; wenn er jeweils an dem Bette eines kranken Kindes sass, ihm
über die heisse, verschwitzte Stirn strich und sah, wie es nach den Fieberanfällen
endlich ruhig schlafen durfte - für einige Stunden wenigstens. Und es schreibt ein
Claudius, der weiss, wie tief der Schmerz sitzt, wenn ein Kind in den Armen stirbt. Matthias Claudius hat uns jedoch auch noch anderes
geschenkt, dessen erste Verse wohl fast jeder kennt:
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen... |
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mit Ton (Midi)
Der Mond ist aufgegangen
Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille
und in der Dämm´rung Hülle
so traulich und so hold !
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen ?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun !
Laß uns einfältig werden,
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein !
Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod.
Und wenn du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott !
So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch. |
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mit Ton (Midi)
Urians Reise um die Welt
Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut,
Und tät das Reisen wählen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Zuerst ging's an den Nordpol hin;
Da war es kalt, bei Ehre!
Da dacht' ich denn in meinem Sinn,
Daß es hier besser wäre.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
In Grönland freuten sie sich sehr,
Mich ihres Orts zu sehen,
Und setzten mir den Trankrug her;
Ich ließ ihn aber stehen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Die Esquimaux sind wild und groß,
Zu allem Guten träge;
Da schalt ich einen einen Kloß,
Und kriegte viele Schläge.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Nun war ich in Amerika;
Da sagt' ich zu mir: Lieber!
Nordwestpassage ist doch da;
Mach dich einmal darüber!
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Flugs ich an Bord und aus ins Meer,
Den Tubus festgebunden,
Und suchte sie die Kreuz und Quer,
Und hab sie nicht gefunden.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Von hier ging ich nach Mexiko;
Ist weiter als nach Bremen,
Da, dacht' ich, liegt das Gold wie Stroh;
Du sollst'n Sackvoll nehmen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Allein, allein, allein, allein,
Wie kann ein Mensch sich trügen!
Ich fand da nichts als Sand und Stein,
Und ließ den Sack da liegen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Drauf kauft' ich etwas kalte Kost,
Und Kieler Sprott und Kuchen,
Und setzte mich auf Extrapost,
Land Asia zu besuchen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Der Mogul ist ein großer Mann,
Und gnädig über Maßen,
Und klug; er war itzt eben dran,
'n Zahn ausziehn zu lassen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Hm! dacht ich, der hat Zähnepein,
Bei aller Größ' und Gaben! –
Was hilfts denn auch noch: Mogul sein?
Die kann man so wohl haben.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Ich gab dem Wirt mein Ehrenwort,
Ihn nächstens zu bezahlen;
Und damit reist' ich weiter fort
Nach China und Bengalen.
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Nach Java und nach Otaheit,
Und Afrika nicht minder;
Und sah bei der Gelegenheit
Viel Städt' und Menschenkinder;
Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl' Er doch weiter Herr Urian!
Und fand es überall wie hier,
Fand überall 'n Sparren,
Die Menschen grade so wie wir,
Und ebensolche Narren.
Da hat Er übel übel dran getan;
Verzähl' Er nicht weiter Herr Urian! |